Stadt- und Kulturring Neuffen e.V.

VEREIN ZUR FÖRDERUNG VON HANDEL UND GEWERBE - FREMDENVERKEHR - KULTUR - STADTMUSEUM

Neuffen und Umgebung im 17. Jahrhundert

 

Daß Neuffen im 17. Jahrhundert von fremden Soldaten eingenommen, geplündert und gebrandschatzt wurde, dürfte manchen Neuffenern bekannt sein. Daß dies am 7. September 1634 geschah, werden nur ganz wenige wissen. Was die einheimische Bevölkerung und die Bewohner der zum Herrschaftsbereich gehörenden Gemeinden damals und in den 30 darauf folgenden Jahre zu ertragen hatte, soll hier exemplarisch dargestellt werden.

Die nachfolgenden Zitate sind den direkt dazu angegebenen Publikationen entnommen bzw. stammen aus der Sammlung des Stadtmuseums Neuffen.Die statistischen Daten sind den beiden folgenden Büchern des Kohlhammer-Verlags entnommen:Das Herzogtum Württemberg zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges im Spiegel von Steuer- und Kriegsschadensberichten 1629 - 1655: Materialien zur historischen Statistik und Das Herzogtum Württemberg zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges im Spiegel von Steuer- und Kriegsschadensberichten.

 Die Zitate sind i.a. halbfett kursiv geschrieben, bzw. durch An- und Abführungszeichen markiert. Gerd Güttler, Stadt- und Kulturring Neuffen

Der 30jährige Krieg liegt eigentlich schon lange zurück, rund 400 Jahre sind seither ins Land gezogen. Warum heute noch darüber berichten? Nun, Krieg und Besatzung zerstörten überall, vor allem aber hier bei uns in Süddeutschland blühende Kulturlandschaften. Wie haben betroffene Zeitgenossen diese Zeit erfahren und durchgestanden, diese Zeit dumpfen Leidens und wehrlosen Ausgeliefertseins? Wie reagierten die Sieger? Wie sind die Besiegten mit ihrem bedrängten, freud- und perspektivlosen Dasein fertiggeworden? Waren am Ende der 30 Jahre nicht alle Besiegte? Ohne Hoffnung, ohne Zukunft?

Die zeitgenössischen Chroniken sind voll von Bildern des Grauens. Briefe und Berichte geben Kunde von kaum vorstellbarer Not und Drangsal. Zwar blieb unsere nähere Um-gebung in den ersten Kriegsjahren von größeren Kampfhandlungen und damit von soldatischen Übergriffen verschont. Erstmals war 1622 eine Kompanie Soldaten (Württembergische Reiter) im Amt Nürtingen/Neuffen einquartiert. Kontributionen mußten gleichwohl schon erbracht werden. Daß sich die Landesherren lange nicht darum scherten, wie es ihrem Land und ihren Untertanen erging, zeigt das Verhalten des württembergischen Herzogs.

Nachdem sich die evangelische Union 1621 aufgelöst hatte, wurde Württemberg ein neutrales Land; doch Herzog Johann Friedrich war nicht willens und in der Lage, seine Heimat zu schützen. Seine realitätsferne Anweisung lautete,„die Bevölkerung solle sich bei Truppendurchmärschen in die Häuser zurückziehen und Vieh und Pferde rechtzeitig in Schutz bringen“.Lieber ging Herzog Johann Friedrich noch 1627 mit rund 600 Hunden und 40 weiteren Jägern im Kirchheimer Forst auf die Jagd, dem nach dem Schönbuch größten zusammenhängenden Waldstück im näheren Umland, wobei die Jäger tagsüber mehr als 4 Liter Wein konsumierten, abends aber auch schon einmal an die 10 Liter durch die Kehlen rinnen ließen!

Doch nach der Schlacht bei Nördlingen vom 6. 9. 1634 wurde auch er von der grausigen Realität eingeholt, breitete sich auch bei uns das infernalische Kriegszenario aus, von dem unsere Gegend, wie gesagt, bisher nahezu gänzlich verschont geblieben war. Anderthalb Tage hatte die Schlacht zwischen den Kaiserlichen unter „GeneralissimusKönig Ferdinand III. und den durch die Württemberger „verstärkten“ Schweden unter ihrem Feldherrn Prinz Bernhard von Sachsen-Weimar und General Horn getobt, zwischen Katholiken und Protestanten also. Unter ihnen hatten somit auch württembergische Landeskinder gekämpft. Menschen aus der Gegend, darunter etliche Neuffener, mußten ins Kampfgebiet mitmarschieren; es war ein Marsch in den Tod. Eine Berufsarmee gab es nicht im damaligen Württemberg, nur wenige Landsknechte und eine kaum geübte Wehrpflichtarmee, die Landmiliz, die fast nur aus einigen tausend Bauern bestand, rund 6.000 an der Zahl, die kaum einmal gemeinsam geübt und exerziert und aus finanziellen Gründen nicht einmal eine Uniform hatten. Da war es kein Wunder, daß dieser zusammengewürfelte Haufen gegen die exakt gedrillten und zum größten Teil kriegserfahrenen Landsknechte auf der katholischen Seite keine Chance hatte – zumal auf evangelischer Seite gleich mehrere taktische Fehler begangen wurden. Sie kämpften südlich der Stadt unter Oberst von Liebenstein einen aussichtslosen Kampf. 4.000 von ihnen sanken im mörderischen Feuer reihenweise zu Boden. Unter ihnen befanden sich auch 20 Neuffener und 2 Schwestern! Die Überlebenden wurden niedergemacht.

„In ihren weißen Zwillichröcken und mit dem Ränzlein noch auf dem Rücken lagen nun 4.000 von ihnen tot auf dem Schlachtfeld, über das die Nacht hereinbrach ohne Frieden und Stille, durchzogen vom Stöhnen und Schreien der verwundeten und sterbenden Menschen und Tiere, zwischen denen Plünderer und Leichenfledderer huschten und wohl auch schon Wölfe und Füchse, Geier und Raben auf reichen Fraß lauerten.“

Zitiert aus: Dettingen an der Erms, Fritz Kalmbach (Hrsg.), ders.: Gott erbarm sich unser – Dettingen im Mahlstrom des 30jährigen Kriegs.

 

Noch am gleichen Tag floh der 19jährige Herzog Eberhard III. von Württemberg mit Familie, Hofstaat und Regierung in ununterbrochenem Ritt mit 20 Kutschen voller Adeligen, Räten, Dienern und Frauenzimmern hinter die sicheren Mauern von Straßburg und gab damit das Land der Willkür der kaiserlichen Truppen mit Plünderung, Folterung, Feuer, Mord und Vergewaltigung vollends preis.

Dort, im Exil, hatte er nichts Eiligeres zu tun, als zu heiraten. Er heiratete jedoch weit unter Stand und hatte dadurch„sich und sein ganzes Hauß Wirtemberg durch dißen Heirath despectirt“. Dies insbesondere, als keine 6 1/2 Monate später sein erstes Kind (von insgesamt 25!) geboren wurde. Seine Landeskinder wurden für so ein Verhalten „wegen Beischlafs vor der Hochzeit“normalerweise mit 4 Wochen Turm„mit Speisung Wasser und Brotbestraft! König Ferdinand höchstpersönlich haben es die Stuttgarter im Übrigen zu verdanken, daß ihre Stadt nicht geplündert und angezündet wurde!

Nach der Schlacht bei Nördlingen begann die Auflösung, nicht nur im militärischen Bereich, sondern auch im gesamten bürgerlichen Leben. Die Soldateska ergoß sich, einer Sturmflut gleich, vor allem ins württembergische Land. Nach der „weimarischen Armee“ folgten Schweden, Franzosen, kaiserliche und bayerische Truppen, danach zogen die Reiter von Walter Butler sengend, plündernd und mordend ein, hauptsächlich Kroaten, in alten Texten „Krabaten“ genannt. In Nürtingen bezahlten 114 Einwohner sofort mit dem Leben. In Reudern und Zizishausen lebte jahrelang keine Seele mehr. Balzholz wurde 1641 , ja sogar noch 1643 als unbewohnt bezeichnet und erst 1651 wieder aufgebaut. Dort kam nur die Familie Blank mit dem Leben davon. In Neckartailfingen überlebten gerade einmal 13 Einwohner (1647) Kleinbettlingen war 14 Jahre gänzlich unbewohnt.Mit 3 Schüssen vom Hohenneuffen und vom Hohenasperg sollte nach der Schlacht von Nördlingen der Widerstand im Land organisiert werden, um „Vaterland und evang. Religion zu retten“. Aber kein Mensch dachte überhaupt an Gegenwehr, geschweige denn an eine geordnete Verteidigung.Ehe sich Hohenurach ergab, versuchte dessen Kommandant Holtzmüller, der bei den Kampfhandlungen ein Auge verloren hatte, des öfteren, vom Hohenneuffen Vorräte oder militärische Hilfe zu erhalten. Wohl wurden im März 40 und im Juni 30 seiner Leute kurzfristig im gefährdeten Unteren Hof aufgenommen, bekam er mehrmals kleinere und größere Lebensmittelvorräte. Doch der Kommandant des Hohenneuffen Schnurm dachte überhaupt nicht daran, in stärkerem Maße tätig zu werden, so daß Holtzmüller sogar höchstselbst vor dem Neuffen erschien. Als Schwabe lehnte Schnurm jedoch ein persönliches Gespräch mit Holtzmüller ab„wegen dessen sächsischer Beredsamkeit, die ihn erzürnen könnte!“Zwar unterstützte Schnurm im April einen Uracher Entsatzversuch mit 30 Mann und 60 Ztr. Mehl. Doch hielt er sich und seine Soldaten sonst mit Bedacht zurück und konnte so noch längere Zeit im Tal den eigenen Proviant ergänzen, ja sogar in der Stadt sein Korn mahlen lassen! Da die schwedische Besatzung von Hohenurach durch ständige aggressive Ausfälle die Angreifer so stark gereizt hatte, daß diese in ihrer Wut auch das Städtchen Urach arg bedrängten, verlangten die Uracher Bürger nach der Übergabe von Hohenurach von den Siegern, die Festung zu sprengen und mit Feuer zu ruinieren. Auch das Neuffener Städtchen mußte unter der Belagerung des Hohenneuffen zusätzlich leiden. Denn dadurch kamen weitere Soldaten in den Ort. Durch sie nahmen Raub und Diebstahl in der Gegend stark zu. Die Trunksucht wurde zu einem weitverbreiteten Übel, und alle möglichen anderen Laster nahmen überhand, so auch das im Krieg eingeschleppte Tabaktrinken“.

 

Von den direkten Nachkriegsereignissen künden die folgenden zeitgenössischen Berichte:

Nachdem Nördlingen als erste Stadt des Evangelischen Bundes „under des Keyssers gewalt“ gekommen ist, „ruckhet der Keysser mit seinem kriegsvolckh fort auff das Wirtemberger landt zu“, und „haben sie alles verwiest und verderbt, das schöne stetlein Giengen außgeblündert und gar abgebrandt, das Ulmische stetlein Geißlingen, welches sich ein wenig gewehrt, mit gewalt überfalen und etliche hundert darin nidergemacht, wie auch ihrem pfarrer den kopff abgehawen und das stetlein aßgeraubt, und im hertzogtumb Wirtenberg auch nicht anders gemacht. In suma, ich kann den jamer nicht groß gnug beschreiben, der damals geweßen ist“.

Aus dem „Zeytregister“ des Schuhmachers Hans Heberle aus Neenstetten bei Ulm (1597 – 1677).

 

In einer weiteren Quelle heißt es: „. . . seind Stoffel Klett, Michel Eberlin, Ludwig Doster, der alt, als die Kayserlichen ins Land gefallen, und so großen unaussprechlichen Schaden mit Plündern, Brennen und Morden gethan, auch von ihnen erschoßen worden, und ohne alle Ceremonien, weil nemiglich in der Flucht, begraben worden; damals ist auch Hanß Kridel, Schneider zu Kohlberg, erschoßen und allda begraben. . .“ Am 27. Oktober 1634 „stirbt alt Jacob Fischer, Ziegler, 70 Jahr alt, ist ohne Ceremoni und predigt begraben worden, weil man in der Flucht“. Der dieses schrieb, war der Pfarrer Alexander Brenz von Grafenberg.

 

Die verschiedenen Augenzeugenberichte mögen wohl auch für das Amt Neuffen und den Bereich darum herum zutreffend gewesen sein, selbst wenn das Steinachtal etwas abgelegen und lange Zeit von größeren Duchzügen verschont geblieben war. Aber nach dem Nördlinger Desaster mußten auch die Neuffener Bürger immer öfter unter der zügellosen Soldateska leiden, am schlimmsten im Jahre 1634 unter der Besatzung und Brandschatzung am 7. September durch die kaiserlichen Truppen des Oberst Freiherr Soyes und seinen Kroaten. Doch nicht genug dieser von Menschen gemachten Drangsale. Nun kam eine Macht hinzu, die für die damaligen einfachen Menschen mit ihrem auf ihr dörfliches Umfeld beschränkten Horizont nicht von dieser Welt zu sein schien: Die Pest. Sie schien für die meisten Bürger die Strafe Gottes zu sein für all die Untaten, Verbrechen und Liederlichkeiten, die das Volk nun schon einige Jahre still erdulden mußte, aber auch für die eigene Gottlosigkeit und den moralischen Niedergang im ganzen Lande. Durch die langen Kriegszeiten waren die Sitten auch beim normalen Volk immer mehr verroht; man fluchte, lästerte, soff, stritt und stahl wie nie zuvor. Die Pest allein raffte in Neuffen 492 Personen dahin, ohne daß es auch nur die geringste Chance gegeben hätte, etwas Sinnvolles dagegen zu unternehmen. Kein Wunder, besaß man damals weder das naturwissenschaftliches Verständnis, um irgendwelche Zusammenhänge zu verstehen noch, um die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Zwar begann man zunächst vereinzelt, dann immer öfters, die Erkrankten zu isolieren. Doch scheiterten alle weitergehenden Versuche an den damaligen Umständen. In Kappishäusern waren 10 Tote zu beklagen.

Die Lateinschule existierte nicht mehr; die deutsche Schule wurde noch unter dem ersten selbständigen deutschen Schulmeister Hans Wolf Junker, zugleich Organist, weitergeführt. Er blieb in Neuffen, mußte dafür aber ein schreckliches Schicksal erdulden. Ihm starben 1635 im Mai der 17jährige Sohn und die 11jährige Tochter, im Juli die 16jährige Tochter durch die Pest, seine Frau folgte ihnen im Juli 1637 nach, er selbst fiel der Seuche 1640 zum Opfer.

Neuffen wurde also im September von den Katholischen besetzt und sollte eine hohe Kontribution für die Verschonung von der Brandschatzung bezahlen. Dies war damals durchaus nichts Ungewöhnliches und als rechtens anerkannt – als Recht des Siegers, des Stärkeren freilich. . . Es sollen 400 Gulden (fl) gewesen sein. Die konnten jedoch nicht sofort aufgebracht werden, und so plünderten die feindlichen Soldaten, einen Tag nachdem sie in Beuren den Schultheißen Hans Knapp erschlagen hatten, zunächst das Städtchen und zündeten es anschließend an. Von diesem blieben innerhalb der Stadtmauern (nach Schwenkel) nur die beiden Freiadelssitze „Großes Haus“ und „Melchior-Jäger-Haus“, erhalten, wohl auch deshalb, weil sie den Besatzern als Quartier dienten und vielleicht auch weil die Winde günstig standen. Nur noch 2 weitere Häuser sollen innerorts nicht verbrannt sein. Heute lassen sich sogar bei flachen Grabungen im Stadtkern noch Brandspuren von dieser Katastrophe finden! In den beiden Vorstädten „Uffhofen“ und „Niederhofen“wurden die meisten Gebäude eingeäschert oder zerstört. Auch Kirche, Rathaus und Schulhaus sanken in Trümmer. Die Lateinschule hörte nach der Zerstörung des Schulhauses für 16 Jahre auf zu existieren. Nicht nur alle kirchlichen und weltlichen Akten verbrannten, sondern vor allem auch die soeben eingebrachte Ernte – wenn sie nicht vorher schon geraubt worden war.

Inzwischen weiß man aber, daß etliche Häuser innerhalb der Mauern zumindest teilweise erhalten geblieben und nicht völlig abgebrannt sind. Selbst in den Vororten sank nicht alles in Schutt und Asche, z.B. die beiden bis vor wenigen Jahren noch existierenden Firstständerhäuser aus dem 16. Jhdt. am südlichen Ufer der Steinach im Löwengäßle, die inzwischen leider neuen Häusern weichen mußten, oder die Mühlen in Uffhofen und Niederhofen, die in den 60er bzw. 70er Jahren abgerissen wurden. Um das Jahr 1964 herum wurde die 1507 erbaute Obere Mühle im ehemaligen Uffhofen abgebrochen. Sie stand da, wo heute die Mehrfamilien-(reihen-)häuser stehen. Die Mittlere Mühle mit ihrer „schönen, mit Eierstabornamentik gezierten Rundbogentür des frühen 17. Jahrhunderts aus Sandstein“erlitt 1973 dasselbe Schicksal. Ausdrücklich hingewiesen sei auch auf das Fachwerk-Bauernhaus Münzenmaier in der Nürtinger Straße, das der Wohnanlage mit den „Hochhäusern“ im Wege stand. Dabei war dieses Haus Nr. 21 in der Nürtinger Straße ein treffliches Beispiel eines Alt-Neuffener Hauses von 1613 – das, außerhalb der Stadtmauern stehend, den 30jährigen Krieg überstanden hatte –„mit einem gemauerten Erdgeschoß mit zwei profilierten Rundbogentüren zum Stall und ins Haus, einer rechteckigen Scheueröffnung und einem Rundbogenkellertor, einem Obergeschoß und drei unverputzten, vorkragenden (Fachwerk-) Giebelgeschossen«,wie es bei Schwenkel im Heimatbuch heißt.

Dennoch verloren die meisten Neuffener ihre Behausung, die, wenn nicht zerstört, so doch ausgebrannt war. Und damit verloren sie auch ihre wenigen Habseligkeiten, sofern sie überhaupt welche besessen hatten! Das Inferno im Stadtkern überstanden auch einige Keller dank ihrer massiven Bauweise aus Stein und vor allem ihrer gewölbten Form wegen. Doch oftmals waren sie von Schutt und Trümmern so sehr bedeckt, daß sie im Laufe der Jahre in Vergessenheit gerieten und erst Jahrzehnte später bei einem Neubau an dieser Stelle wiederentdeckt wurden. Auch diese zahlreich erhaltenen alten Gewölbekeller belegen heute die weit zurückreichende Weinbautradition Neuffens.

 

Laut dem von Spezial“Ruoff (Ruff) neu angelegten Totenbuch wurden 24 Einwohner sofort niedergemacht, 3 verbrannten, 3 weitere verhungerten. Darin wurden (laut Pfarrer Hezel) insgesamt 113 Familien aufgeführt. Die – nach der Anzahl der Toten – wahrscheinlich am häufigsten vertretenen Familien in Neuffen waren: Mönch (25mal aufgeführt), Vettinger (25mal), Schaich (23mal), Hoss (19mal), Späth (18mal), Kneule (17mal), Holdenrieth und Kling (je 15mal), Müller und Schmid (ebenfalls je 15mal), und auch Krieg, Maier und Schall (je 15mal) sowie Schwenkel (10mal). Die alten Kirchenbücher und die Akten auf dem Rathaus verbrannten allesamt, so daß sehr Vieles aus der Geschichte Neuffens vor 1634 für immer im Dunkel bleiben wird! All dies hinderte Ruoff jedoch nicht daran, nur drei Wochen später im Hof des Melchior-Jäger-Hauses wieder einen Gottesdienst zu halten, bei dem er 170 Teilnehmern die Kommunion reichte.

 

Doch nicht nur in Stadt und Amt Neuffen regierte der blanke Terror, herrschten für uns heutige Bewohner, die wir uns zivilisiert nennen, unglaubliche Verhältnisse. Fast noch schlimmer trieben es die Eindringlinge in den umliegenden Orten und den angrenzenden Ämtern. Im Vergleich dazu war Neuffen geradezu gut weggekommen! Als die Butlerschen Dragoner 1634 nach kurzem Kampf in Nürtingen einrückten, „brachen für die Bevölkerung Tage des Schreckens und der Verzweiflung an. Vom 6. Bis 8. September schießen, schlagen und stechen in Nürtingen die Dragoner auf alles, was ihnen in den Weg kommt. Nicht einmal Kinder bleiben verschont. Die Gassen widerhallen von den Schreien malträtierter Frauen. Die Soldaten, die überall vergrabene Schätze wittern, nehmen sich die Einwohner vor. Manche werfen sie einfach aus dem Fenster. Leuten, die besser gestellt scheinen, legen sie Daumenschrauben an, bis ihnen das Blut unter den Nägeln hervorspritzt. Anderen knüpfen sie Stricke um den Kopf und schnüren sie, handliche Hölzer als Knebel benutzend, erbarmungslos zusammen, bis den Leuten die Augen aus den Höhlen treten und das Blut aus Nase und Ohren quillt. Weitere unterwerfen sie dem Schwedentrunk: flößen ihnen zwangsweise bis zum Bersten Flüssigkeit ein und springen dann auf den aufgedunsenen Leibern herum.

Bevölkerung und Herzoginwitwe, die erhebliche Werte im Schloß aufbewahrt, werden bis aufs Hemd ausgeplündert, die Pferde gestohlen und das Vieh davongetrieben (die Dragoner leeren die Ställe so gründlich, daß man noch 15 Monate später für den Leichenzug der Herzoginwitwe Ursula nach Tübingen die Pferde von überall her ausleihen muß). Drei Bürgermeister und einige Ratsherren lassen sich lieber erschlagen, als das Versteck der kostbaren Goldgulden preiszugeben. 114 Nürtinger verlieren sofort das Leben, 180 weitere werden verletzt, krank oder zum Krüppel geschlagen, unter ihnen er Stadtpfarrer, der sich zwar von seinen Wunden wieder erholt, aber dann ein Opfer der Pest wird, die den Soldaten auf dem Fuß folgt.

Pfarrer M. Georg Wolfflin aus Owen, vor den Kaiserlichen zunächst nach Kirchheim, dann, nachdem er dort nur verschlossene Tore vorfindet, nach Nürtingen geflohen, entdecken die Soldaten in der Schloßkapelle, die in der Stadtkirche Teil der Herrschaftsempore bildet. Zwei Säbelhiebe und ein Schuß treffen ihn. Die Bibel (heute deshalb Blutbibel genannt), die er aufgeschlagen in der Hand hält, wird durchbohrt und mit Blut bespritzt. Pfarrer Wölfflin stirbt an Ort und Stelle. . . !

Weitere Schreckensberichte aus dem Land künden von grausamer Pein: An einem Mittwochmorgen haben „sie mir erstlich die recht handt wöllen abhawen: auff solches, dann ich über die maßen umb die Handt gebeiten und geschriehen, haben sie mir einen Riemen umb den Kopff gelegt, denn Riemen mit einem starken brigl dermaßen mit umbdrehen gespannt, das ich vermeint augen und Kopff werde zerspringen: in dem ich kegerlich geschrihen, hat der einig so mich gemartert ablaßen, und ein anderer sein pistol vor mir geladen, und mir durch den leib schießen wollen: alls aber die Pistol loß geht, springt das Ror von dem schafft, und geht die Kugl oben auff der Lincken achßl durch das Wamms hinweg ohn leibschaden: wie solcher schuß nichts operiert, fürt mich ein ander in ein Kammer, in deß Doni hauß, muß mich alda ganz bloß machen, und hat mir der mensch die pudernda wölln mit einer treibschnur binden und abklopffen: ich schrei und thus jämerlich, füert er mich wider in die Stuben, allda muß ich niderligen, stöst mir ein brigl in das Mal, das mir alles im Maul geschwollen: bringt ein Kibl mit Wasser, unnd gisst mir denn leib so vol an, das ich vermeint, ich müsß nun des todts sein: in dem ich also in der Qual lig und zu Gott ruef, hat mir solcher mensch die zusammen gefaltete händt über die maßen zerschlagen, das ich deß schmerzen noch empfinde: ferner, hat der Gesell ein holzaxt genommen mir die Ripp und die seiten, der maßen zerschlagen, das ich vil große wunden bekommen, am leib gantz bloh worden, und ich noch diese stund, denn achen nicht recht heben kann, will geschweigen das ich auff seiten sollte ligen kenden.“

Aus einem Brief vom 23. September 1634 des Sindelfinger Universitätskellers Lorenz Schmidlin an den Tübinger Universitätssyndicus.

 

Dennoch, trotz allen Leids, trotz allen Elends: das Leben wollte weitergehen! Allein, die von den Kriegswirren bis aufs Äußerste gequälte und von der Pest übriggelassene Bevölkerung mußte weitere Unbill und Pein erdulden. Nach einem Bericht Steinhofers vom Februar 1635 erfroren die Weinberge in klirrendem Frost“. Zudem konnten die Bauern ihre Felder nicht bestellen, weil ihnen alle Pferde geraubt worden waren. Manche kauften von den Soldaten um ein geringes Geld einen abgerittenen, krummen, hinkenden, alten Gaul, und egten mit demselben den Saamen hinunter“. Weiter berichtete er: Mühlstaub und Kleyen kamen nicht an den armen Mann; die Nesseln und Schnecken sucht man aller Orten zusammen, auch wenn denen Soldaten ein Pferd umgefallen, so schlugen die erhungerte Leute einander um das Fleisch; Hund und Katzen waren nirgend sicher.“

Schon bald herrschte überall im Land eine schreckliche Hungersnot. Das Folgende wird aus Kirchheim berichtet: „Die zu Kirchen unter Teck erwähnen, daß die Amtsstadt gleichwohl anfangs nicht ausgeplündert und ausgesogen worden, daß weder in der Stadt noch in den Amtsorten Wein, Früchte, Roß und Vieh, noch andere zum Unterhalt dienende Mittel vorhanden und die Leute, die Vermöglichen wie die Armen, bereits Eichelbrot und ander übernatürliche Speisen genießen müssen, da doch sonst dieses Amt in einer sehr fruchtbaren Gegend gelegen.“

Aus einem Bericht an den Kaiser über die Kriegsnot in Württemberg Ende 1635, wie sie ähnlich auch Im Neuffener Amt geherrscht haben mag.

„Und wirklich war das Elend in Deutschland zu einem so ausschweifenden Grade gestiegen, daß das Gebet um Frieden von tausendmal tausend Zungen ertönte, und auch der nachteiligste noch immerfür eine Wohltag des Himmels galt. Wüsten lagen da, so sonst tausend frohe und fleißige Menschen wimmelten, so die Natur ihren herrlichsten Segen ergossen und Wohlleben und Überfluß geherrscht hatte. Die Felder, von der fleißigen Hand des Pflügers verlassen, lagen ungebaut und verwildert, und wo eine junge Saat aufschoß oder eine lachende Ernte winkte, da zerstörte ein einziger Durchmarsch den Fleiß eines ganzen Jahres, die letzte Hoffnung des verschmachtenden Volks. Verbrannte Schlösser, verwüstete Felder, eingeäscherte Dörfer lagen meilenweit herum in grauenvoller Zerstörung, während daß ihre verarmten Bewohner hingingen, die Zahl jener Mordbrennerheere zu vermehren, und, was sie selbst erlitten hatten, ihren verschonten Mitbürgern schrecklich zu erstatten. Kein Schatz gegen Unterdrückung, als selbst unterdrücken zu helfen. Die Städte seufzten unter der Geißel zügelloser und räuberischer Besatzungen, die das Eigentum des Bürgers verschlangen, und die Freiheiten des Krieges, die Lizenz ihres Standes, und die Vorrechte der Not mit dem grausamsten Mutwillen geltend machten. Wenn schon unter dem kurzen Durchzug einer Armee ganze Landstrecken zur Einöde wurden, wenn andre durch Winterquartiere verarmten, oder durch Brandschatzungen ausgesogen wurden, so litten sie doch nur vorübergehende Plagen, und der Fleiß eines Jahres konnte die Drangsale einiger Monate vergessen machen. Aber keine Erholung wurde denjenigen zuteil, die eine Besatzung in ihren Mauern oder in ihrer Nachbarschaft hatten, und ihr unglückliches Schicksal konnte selbst der Wechsel des Glücks nicht verbessern, da der Sieger an den Platz und in die Fußstapfen des Besiegten trat, und Freund und Feind gleich wenig Schonung bewiesen. Die Vernachlässigung der Felder, die Zerstörung der Saat und die Vervielfältigung der Armeen, die über die ausgesogenen Länder daherstürmten, hatten Hunger und Teuerung zur unausbleiblichen Folge, und in den letzten Jahren vollendete noch Mißwachs das Elend. Die Anhäufung der Menschen in Lägern und Quartieren, Mangel auf der einen Seite und Völlerei auf der andern brachten pestartige Seuchen hervor, die mehr als Schwert und Feuer die Länder verödeten. Alle Bande der Ordnung lösten in dieser langen Zerrüttung sich auf, die Achtung für Menschenrechte, die Furcht vor Gesetz, die Reinheit der Sitten verlor sich, Treu und Glaube verfiel, indem die Stärke allein mit eisernem Zepter herrschte; üppig schossen unter dem Schirme der Anarchie und der Straflosigkeit alle Laster auf, und die Menschen verwilderten mit den Ländern . . .“

Zwar stammt diese eindrückliche Schilderung von keinem Zeitzeugen. Aber die „Geschichte des Dreißigjährigen Kriegs“ von Friedrich Schiller spiegelt den damaligen Zustand recht genau wider, und es lohnt sich auch hier, Schiller zu lesen.

 

Wiewohl die besonders evangelischen Pfarrer der Willkür ihrer katholischen Peiniger ausgesetzt waren, machten sie sich mit persönlichem Mut dennoch verdient um den Erhalt ihrer Ortschaften und die Schonung ihrer Einwohner. Hier nur zwei Beispiele von vielen:

Der Herrenberger Spezial wollte nach der Nördlinger Schlacht das Schicksal der Einäscherung „von der Stadt abwenden durch eine Fürbitte bei dem feindlichen General und ging deshalb mit dem Bürgermeister zum Stadttor hinaus dem General entgegen. Da wurde er von einem wilden Haufen Soldaten aufgehoben, zweimal an den nächsten Baum aufgehängt, um ihm das Geld abzunehmen, das er bei sich hatte, dann kaum atmend unter der Bedingung am Leben gelassen, daß er die Einwohne der Stadt dazu bestimme, die Kirche, in die sie sich geflüchtet hatten, zu verlassen, was er auch, als er wieder zu Kräften gekommen war, tat, nachdem er für sie Verschonung erwirkt hatte, während sie im andern Fall elend umgekommen wären. Einige Soldaten ergriffen ihn, kehrten ihm zum Spott den Rock um, setzten ihm eine Zipfelkappe auf und führten ihn an einem Strick unter Hohn durch die Straßen, worauf sie ihn in einem Zwinger einsperrten.“

Aus dem Bericht des Herrenberger Spezials Johann Jakob Heinlin, in: Pfarr- und Kirchenakten (Blätter für württembergische Kirchengeschichte 32/1928).

 

„Dienstag den 9. September sind die Feind in Holzgerlingen eingefallen und haben alsbald den Pfarrer gefangen, an ein Roß gebunden, durch die Gassen und ins Feld geschleift, jämmerlich geschlagen, und ihr sonder Lustspiel an dem guten alten Mann gehabt und verübt, indem sie ihn auf den Kopf gestürzt, seine beide Füße von einander gesperrt, über und durch ihn geritten. Nachdem sie ihn lang genug jämmerlich und erbärmlich gemartert, haben sie ihn auf dem freien Feld, ohne Zweifel als ihres Vermeinens ganz toten Mann, liegen lassen. Er ist aber folgends von zwei Gerichtspersonen ins Pfarrhaus getragen und daselbst verbunden worden, wieder zu seinem Verstand und Rede gekommen, und erst Mittwoch Nachts um 10 Uhr, dem 10. September gar geduldig und selig verschieden. Seine Hausfrau haben sie vier Tage nacheinander zu ethlich unterschiedlich Malen gefangen, über traktiiert, ranzoniert; und weil sie sich verschnappt, oder vielleicht Gnad zu erlangen gesagt, sie habe (n) schon ihren Herrn umgebracht, als sie, als eine gute arme Pfarrerin, nicht Geld hergeben könnte, haben sie selbige endlich am Freitag jäm-merlich mit Stichen und Zerhackung ihres Kopfes ermordert, da sie beide am folgenden Samstag, den 13. September in ein Grab, doch sine ullo puden et cerimoniis (ohne trauernde Anteilnahme der Gemeinde und ohne Zeremonie) sind begraben worden.“

Aus dem amtlichen Bericht des Böblinger Spezials, in: Pfarr- und Kirchenakten.

 

Hatte die Bevölkerung schon unter der Geißel des Krieges unsäglich zu leiden, so zerstörte der auf die Soldaten folgende schwarze Tod vollends alle zwischenmenschlichen Bindungen und Beziehungen. Im Angesicht der Pest zerbrachen sogar Familien und lange Freundschaften.

Menschliche Nähe verwandelte sich in kühle, herzlose Distanz. Eltern, Geschwister, Verwandte, Berufs- und Standesgenossen gingen sich aus dem Wege und suchten durch Absonderung, ihr armseliges Leben zu retten oder wenigstens zu verlängern. An die Stelle ständischer Ehre und zünftiger Solidarität trat wechselseitige Entfremdung; ein jeder wollte nur noch seine eigene Haut retten. Dazu weitere Zitate:

Ein Ratsdekret der Stadt Ulm verbot beispielsweise, die Leichen von Pesttoten „anderen leuthen für die thüren und haüßer auch gar an die statt thor zu tragen, anzuleinen und zustellen.“

Der Schuhmacher Hans Heberle vermerkte in seiner Chronik: „Soll das nit ein jamer gewesen sein. Ja ich glaub wol, es sey ein jamer über ale jamer geweßen, dan ich hab es nit nur here sagen, sonder ich hab es selbers gesehen und gehort mit meinen augen und ohren.“

Er berichtete weiter, sei in der Stadt Ulm „ ein baurenmensch“ gestorben, so sei ihm keine Leichenpredigt gehalten worden, „von wegen deß grossen unkostens halber, das der gemeine man nicht (zu zahlen) vermecht hat.“

Viele verhielten sich so, wie es der italienische Humanist und Landedelmann Leo Battista Alberti schon in der 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts (in neuerer Übersetzung) geschrieben hatte: „Mir jedenfalls erscheint es als der schlechteste Rat, das sichere Leben vieler Gesunder nicht höher zu schätzen als die fragliche Heilung eines Kranken“, und sie sahen in dem Pestkranken nicht die erbarmungswürdige Kreatur, der im Sinne der christlichen Liebe ungeachtet eigener Gefährdung geholfen werden muß, sondern den lebensbedrohenden Aggressor der eigenen Gesundheit. Eine weitere, in heutiges Deutsch übersetzte Chronik berichtet: „Das Verhältnis unter den Menschen verrohte, so dass ein Vater, wenn sein Sohn krank darniederlag, sich weigerte, bei ihm zu bleiben. Hatte er freilich den Mut, sich ihm zu nähern, wurde auch er von der Krankheit befallen, wodurch er dem Tod geweiht war und nach drei Tagen ebenfalls starb.“

Wenn man nicht vor der Pest floh, verdrängte man den Tod aus der Öffentlichkeit. Niemand folgte mehr dem Leichenzug der Pesttoten, nicht mehr die nächsten Anverwandten, nicht mehr die Nachbarn, nicht mehr die patrizischen oder zünftigen Standesgenossen. Bezahlte Totengräber begruben und bestatteten. Eine Leichenpredigt zu halten, war verboten, „es sey in der stat oder uff dem landt, er sey reich oder arm.“ Die Räder der Totenkarren, mit denen die Leichenträger die Pestopfer vor die Stadttore schafften, waren mit Filz beschlagen; der Lärm des Todes mußte gedämpft werden, um Unruhe von den Überlebenden fernzuhalten. In der eben zitierten Chronik heißt es weiter: „Die Priester und Notare weigerten sich, in die Häuser zu gehen. Betrat einer von ihnen dennoch ein Haus, um ein Testament oder dergleichen aufzusetzen, konnte auch er dem baldigen Tod nicht ent-kommen. Die Minderbrüder, Dominikaner und andere Ordensleute, die in die Wohnungen solcher Kranken gehen wollten, raffte selbst ein brüsker Tod hinweg, so daß einige gleich in den Sterbezimmern zurückblieben. Als die Leichen verlassen in den Wohnungen lagen, wagte es kein Priester, Sohn, Vater oder Verwandter mehr, hineinzugehen. Man bezahlte vielmehr Dienstleuten einen nicht geringen Lohn, damit diese die Toten zum Beerdigungsplatz brachten.“

„Es war eine große Unbußfertigkeit, Bosheit, Verachtung Gottes und seines Wortes und grausames, ohne Schwert und Blutvergießung, Verfolgung des heiligen Ministerii, und hätte man wahrlich mancher Orten Gott, sein Wort und dessen Diener gleichsam um eines Batzen wegen fahren lassen, so weit die Welt war. Wie denn ein solcher undankbarer, verruchter und gottloser Fleck Ensingen auch gewesen. Gott bekehre sie.“

Aus einem Bericht des Pfarrers von Ensingen.

 

Die Wirkungen der Pest waren auch deshalb so verheerend, weil man ihre Ursachen nicht kannte, allenfalls ahnte. Die Ärzte fanden keine Erklärung für sie. Manche von ihnen flohen vor der Seuche, andere gaben der vergifteten Luft die Schuld. Riesige Feuer mit Weihrauch und Kamillebeigaben sollten die Luft reinigen. Deshalb trugen die Pestärzte lange Gewänder, Handschuhe und Schnabelmasken, die mit Kräutern gefüllt waren. Der Kranke wurde nur mit einem Stab berührt. Besprühen mit Essig, Umschläge oder Ausbrennen der Pestbeulen sowie Seelbäder waren die einzigen Maßnahmen der Mediziner. Doch lediglich die Absonderung (Quarantäne) für 40 Tage brachte bescheidene Erfolge.

„In der Kirche, in den Schulen, auf den Rathäusern, überall, wo sich eine größere Zahl von Personen versammelte, räucherte man mit Wacholderholz, um das Gespenst zu verjagen.“ Allein, alles war vergeblich. Aus dem Kirchheimer Amt heißt es: „Der Friedhof . . . reicht für die Bestattung der Toten nicht mehr aus . . . Während sonst das Kirchheimer Totenbuch durchschnittlich im Jahr 90 Sterbefälle verzeichnet, sind es im Oktober 1634 allein 42, in November 64, im Dezember 44. In den ersten Monaten des folgenden Jahres gehen die Zahlen . . . zurück. Dann steigen sie zu einer unglaublichen Höhe an. Die Zahl der Toten im Juni ist 67, im Juli 216. Vom 1. Bis 11. August starben in Kirchheim 176 Personen . . . Der Monat August verlangte im ganzen 445 Opfer, der September 176 Personen, der Oktober 84.“

Dies alles berichtet uns Karl Mayer in seinem Heimatbuch für Kirchheim unter Teck und Umgebung.

 

Die Menschen grübelten über die Ursachen der Krankheit, und da ihnen unsere heutigen naturwissenschaftlichen Kenntnisse fehlten, ergriff alle eine große Angst, ja Panik, die die einen lähmte, die anderen aber stimulierte. Kriminalität breitete sich aus, ohne Respekt vor göttlichen oder weltlichen Gerichten. Und es kam zu regelrechten Ausschweifungen, zu schrillen Ausbrüchen der Lebenslust. Ein früherer Augenzeuge aus Florenz, der einen Teil seiner Verwandtschaft durch die allererste Pestepidemie 300 Jahre zuvor verloren hatte, beschrieb, was durchaus auch für den 30jährigen Krieg Gültigkeit hatte: „Manche . . . versicherten, die sicherste Medizin bei einer solchen Katastrophe sei, reichlich zu trinken, zu genießen, singend und scherzend umherzuziehen, jegliche Lust, wo es nur möglich ist, zu befriedigen und über das, was kommen möge, nur zu lachen und zu spotten. Und wie sie es sagten verhielten sie sich auch, soweit es möglich war. Sie gingen Tag und Nacht bald in diese bald in jene Kneipe, und noch in fremde Häuser, wenn sie dort nur Dinge wahrnahmen, die ihrer Lust entgegenkamen . . .“

Der italienische Zeitgenosse hieß Giovanni Bocaccio.

 

Andere mauerten sich ein, wieder andere versuchten zu fliehen – und schleppten die Seuche bloß in bisher verschont gebliebene Städte weiter. Manchmal half die Flucht auf das flache Land jedoch tatsächlich, wie bei jenen 7 vornehmen Damen und Herren, die, im 14. Jahrhundert, um sich die Zeit zu vertreiben, einander insgesamt 100 Geschichten erzählten, woraus Bocaccios „Decamerone“ entstand. Allein, damals wie im 30jährigen Krieg, halft der großen Masse der Bevölkerung alles nichts, was man auch versuchte.

Aus dem Neuffener Amt gibt es einen eindrücklichen Bericht über das Schicksal der Familie des Jakob Kullen, dessen Söhne und Töchter alle der Pest zum Opfer gefallen waren:

„. . . Jakob Kullens hinterlassene Witwe oder des Sohnes. Hierbei ist zu wissen, daß diese Jacob Kullens Witwe vor dem leidigen Einfalle Todes verblichen und vier Kinder, welche alle ehelich gehaust, hinterlassen, die dann ihren Vatern und Muttern hinterlassenes Vermögen unter sich bewandtlichen, Peter und Jacob, eine Tochter, Anna, mit Hans Krautschreber verheiratet und Maria, mit Georg Leebstetter, gewesener Bürger von Beuren, verehelicht gewesen, verteilt. Nach dem leidigen (Einfall) aber ist der Sohn Jacob mit seinem Weibe und den Kindern, beide Töchter, Anna und Marie, auch samt Ehemännern und Kindern sämtliche Gott ergeben und Peter Kullen alleinig am Leben verblieben, daher diese ganz väterliche und mütterliche Erbschaft an Liegendem und Fahrendem, Aktiven und Passiven aus ihnen erwachsem verblieben. Der hat sich nun näher Nürtingen begeben, daselbst in Gott auch selig entschlafen und in Johann Schleichers Behausung das zeitliche Leben geendet und ein Kind von ongefähr zehn Jahren, namens Juditha hinterlassen, welche dann aus großer Hungersnot in Bayern geraten und seithero, ob selbiges lebendig oder tot, das wenigste von ihr vernommen worden.“

Aus einer Urkunde aus dem Gemeindearchiv Erkenbrechtsweiler.

 

Es dauerte recht lange, bis sich unser Städtle von all diesen Schicksalsschlägen einigermaßen erholt hatte. 1634/35 lebten hier, kriegs- und pestbedingt, nur noch rund 300 Menschen, 1643 waren es 350, und 1654, wenige Jahre nach dem Friedensschluß, zählte man immerhin wieder 510 Seelen.

 

All die Schäden mußten irgendwie finanziert werden. Das geschah auf Kosten des gemeinen Volkes durch immerwährende Kontributionszahlung, durch die einzelnen Gemeinden, die natürlich selbst kaum flüssig waren und sich infolgedessen an ihren Einwohnern schadlos hielten, und durch das württembergische Land, das wiederum seine Untertanen durch Steuern und Abgaben an diesen Zahlungen beteiligte und später sämtliche finanzielle Aufwendungen zusammenstellte. Ein Beispiel hierfür mag die folgende Begebenheit sein:

Beim „Götzischen Einfall“nach dem Rheinfeldischen Treffen Anno 1638“verursachten die Truppen unter Kommandeur Götz in Stadt und Amt Neuffen einen Schaden von 4.870 fl, allein in Beuren von 2.000 fl. Stadt und Amt Neuffen errechneten bis 1638 einen Gesamtschaden in Höhe von 334.555 fl, Nürtingen von 493.835 und Kirchheim von 538.607 fl, im ganzen Land waren es 45 Mio. fl! Der Schaden im Neuffener Amt resultierte hauptsächlich aus den rund 140 verbrannten Gebäuden der Stadt Neuffen, aber auch aus dem zu einem Drittel verbrannten Dorf Kohlberg (8.000 fl) und aus Grabenstetten (80.000 fl), wo nur noch die Kirche und drei kleine Häuser stehen geblieben waren.

Nachdem sich Schweden und Frankreich verbündet hatten, gelang es, die habsburgischen Truppen aus Württemberg wieder hinauszudrängen, so daß Herzog Eberhard nach langen Verhandlungen mit Ferdinand (inzwischen Kaiser) im Oktober von Straßburg nach Stuttgart zurückkehrte, wo er „unter großem Frohlocken von der ganzen Bürgerschaft“empfangen wird. Damit erhielt er nach gut 3jähriger kaiserlicher Besatzung (1635 – 1638), während der Stadt und Amt Neuffen täglich 58 Pfund Brot und 3 Imi 7 Maß (rund 70 Liter) Wein und monatlich 280 fl an die Besatzer Offiziere abliefern mußten, schon im Februar 1639 „seine“ Festung (samt Stadt) zurück, natürlich nur gegen hohe Reparationsleistungen (monatlich 80 fl), ebenso sein um die Hälfte verkleinertes, entvölkertes und mit hohen Schulden belastetes Herzogtum. In der Folge kämpfte der Herzog um die vollständige Restitution seines Herzogtums, die er schließlich 1648 durch den Westfälischen Friedenauch erlangen konnte. Einen ganz anderen Kampf hatten seine Untergebenen und Untertanen auszufechten: Bis 1639 erhielten weder Vogt noch Spezial aus Stadtmitteln irgend eine Besoldung; Vogt Philipp David Burk fand 1638 in Nürtingen Unterkunft und wurde in das dortige Vogtsamt eingesetzt. Spezial Kies wohnte ab 1640 im Schlößle zur Miete. Der aus Untertürkheim stammende Stadtschreiber Johann Konrad Stadioner, dessen Frau im Wochenbett lag, fand mit 3 kleinen Kindern Zuflucht in der Backstube der Festung, die er sich mit Kommandant Hitzlers 25 Hühnern teilen mußte!

 

In Nürtingen wurde Wendelin Bilfinger Stadtpfarrer (der die gesamte Belagerung des Hohen-aspergs miterlebt und dokumentiert hatte), weil der seitherige Stelleninhaber Johann Kies zum Dekan in Neuffen befördert wurde.

Des Grafenbergers „Hannß Schabens Sohn“, der sich nach Neuffen gerettet hatte, nachdem sein Heimatort mehrmals überfallen worden war, wurde hier am 2. 11. 1636 auf der Flucht erschossen.Auf Antrag des Linsenhöfer Schultheißen stellte der Kommandant vom Hohenneuffen nur wenig später eine Wache, die den Ort vor feindlichen Truppen und umherstreifenden Straßenräubern schützen sollte. Vor heranziehenden Truppen wurde von der Festung durch Kanonenschüsse gewarnt. Doch auch das half wenige Jahre später nicht, als Kaiserliche und Franzosen in den Ort einfielen und den letzten, sorgfältig versteckten Wein „gänzlich austrinken!

 

Erster Kommandant (von 1639 bis 1640) nach der Rückgabe war Oberstleutnant Gottfried Holtzmüller, der ehemalige Befehlshaber von Hohenurach, was für ihn eine kleine Genugtuung gewesen sein mag. Er fand die Festung jedoch in erbärmlichen Zustand vor: Das wenige noch vorhandene Mehl war ungenießbar, es fehlte an Pulver und Blei, seine 14 Soldaten mußten den Wachtdienst barfuß verrichten. Umso erstaunlicher, daß er sich als großer Herr aufspielen konnte – vor allem wenn man die Lage des gemeinen Volkes im Umland zum Vergleich heranzieht. Er befand sich im Besitz von Geld und Silbergeschirr, kostbaren Waffen, Reitpferden und Rindern. Dazu erhielt er eine jährliche Besoldung von 100 fl, 5 Scheffel Roggen, 20 Scheffel Dinkel, 15 Scheffel Haber, 6 Eimer Wein, 3 Fuder Stroh und freie Weide für 20 Rinder und 16 Ziegen, dazu das Heu von 4 Tagewerk Wiesen, das ihm in Fron zugeführt werden mußte. Dennoch setzte er sich für die umliegenden Orte ein. Als im Mai eine Rotte bayerischer Reiter in Beuren einfiel und 4 Fässer Wein wegführte, gelang es ihm, einen der Reiter festzunehmen und dadurch die Rückgabe des Weines zu erzwingen. Im November des Jahres legte er auf herzoglichen Befehl 6 seiner Knechte nach Neuffen, um den Ort zu sichern.Die Herkunft der 20 (Gardi-) Knechte auf dem Neuffen unter Holtzmüller wenig später: 10 waren Landeskinder, je einer kam aus Frankfurt a.M., Hamburg, Buchsweiler, Kempten, dem Breisgau, 2 waren Preußen, der Korporal stammte aus dem Kanton Schaffhausen und der Gefreite aus Stuttgart. Oft gründete das Wachpersonal in den umliegenden Ortschaften Familien und erwarb sogar Liegenschaften, so zum Beispiel in Beuren um 1640 Michael Nöthig, später Nething geschrieben, oder 1636 die von einem Wachtmeister abstammende Linie der Linder in Neuffen.

 

Schon am 16. September 1639 wurde als Nachfolger des kurz darauf verstorbenen deutschen Schulmeisters Hans Wolf Junker Georg Nägelin aus Meidelstetten in den Schuldienst eingestellt; der etwa 48 Jahre alte Nägelin, zuvor bereits Lehrer in Erpfingen und Kleinengstingen, hatte jedoch keine entsprechende Ausbildung genossen, in Anbetracht der jetzigen leidigen Kriegspressuren“hielt man ihn aberfür nicht untüchtig zum Unterricht“ der geringen Jugend“im Gesang und anderen Verrichtungen.Als er den Ansprüchen nicht mehr genügte, wurde er kurzerhand entlassen. Nach wie vor heißt der Lateinlehrer Präzeptor, der deutsche Lehrer von nun aber Schulmeister. Seit Ende der 40er Jahre gilt die allgemeine Schulpflicht in Württemberg.

 

Philipp David Burk, seit 1638 Vogt in Nürtingen, vorher seit 1626 Vogt in Neuffen, schrieb 6 Jahre nach dem großen Stadtbrand, daß man an den Wiederaufbau von Neuffen nicht mehr glaube. Weiter meinte er: . . . war der Areal der Stadt eine große Wildnis, welche einem Wald ähnlicher als einer gewesenen Stadt gleich sah.“ Noch 1720 hieß es in den Steuerakten: „Viele Häuser sind noch gar nicht wieder aufgebaut und bei vielen ist fast täglich der Einfall zu besorgen.“ Eine Fülle von Bittschriften an die Regierung zeigte, in welcher Notlage sich die Bürger befanden.

 

Württemberg, zu Anfang des 16. Jahrhunderts zu den am dichtesten besiedelten Regionen Deutschlands gehörend, zählte im Jahr 1639 nur noch ein Viertel seiner früheren Bewohner. Von 1634 bis 1641 verminderte sich die Zahl der württembergischen Einwohner gar von 313.000 auf gerade noch 48.000! Als der Krieg endlich zu Ende ging, hatte Württembergs Bevölkerung erst etwa ein Drittel ihres Vorkriegsstandes erreicht. Erst Mitte des 18. Jahrhunderts hatte sie sich soweit erholt, daß der Stand vor dem Dreißigjährigen Kriegs erreicht war.

 

Im Vergleich zwischen Stadt und Land waren die Bewohner des „flachen“ Landes ungleich stärker von der Furie des Krieges betroffen als die Stadtbürger. Denn letztere trennte im allgemeinen wenigstens eine schützende Mauer vor den anrückenden Feinden, so daß diese schon einmal von einer Stadt abließen und sich einfacher zu erreichender Beute zuwandten. Somit war die praktisch vollkommen schutzlose Landbevölkerung den streifenden Soldaten und umherziehenden Horden in verstärktem Maße ausgesetzt.

 

Zum Verlust an Menschen kam der Verlust an Häusern und Gebäuden. Bei einer Erhebung in Württemberg aus dem Jahre 1652 wurde die Hälfte der Häuser als zerstört bezeichnet. Und der Zustand der erhaltenen Häuser und Wohnungen war sehr schlecht. Dabei waren die meisten Häuser nicht einmal durch direkte Kriegseinwirkungen zerstört worden, sondern zerfallen, weil ihre Bewohner entweder geflohen oder gestorben waren. Zudem hatten Militär und Zivilbevölkerung die verlassenen Gebäude vielfach als Quellen für billiges Brenn- und Baumaterial ausgeschlachtet.

 

Ein Drittel des Kulturlandesan Äckern, Weinbergen, Wiesen und Gärten lagen um das Jahr 1654 unbebaut, wüst und verkommen. In einer Schadensaufstellung, die das Amt Neuffen fertigte, liest man, daß z. B. in Grafenberg 45 Morgen Weinberge unbebaut sind oder völlig wüst liegen. In den dörffern wurden fast keine menschen mer gefunden, allso das die hüesser von sich selbsten einfiellen, der ackherbau lage ödt und wuest, das distel und dorn darob waxten“,alles lag „darnieder, die pauren konten niemandt weder gülten noch korn geben“. Es fehlte ihnen vielfach sogar das Saatgut, da die feindlichen Truppen alles vorgefundene Getreide selbst ausgedroschen und verkauft hatten. Im gesamten Amt Nürtingen war nur noch der 10. Teil der früheren Anbaufläche tatsächlich bebaut. Die Kosten dort für abgepreßte Kontributionen überstiegen 1 Million, die für Plünderungen betrugen mehr als 400.000 fl!

Eine 1654 in Stuttgart gedruckte Taxordnung setzte die für die Ämter Kirchheim, Nürtingen und Neuffen geltenden Handwerkertarife fest, aber auch die Bauern-, Weingärtner- und Fuhrlöhne.

In dieser Zeit beschwerte sich Präzeptor Tritschler, daß er nit ein lauter lateinisch Schul habe, sondern auch deutsch lehren“soll. Im Visitationsbericht von 1654 heißt es freilich über ihn: Die Schul ist mit ihm übel bestellt, sonderlich Gebets- und Gesangs halber; er ist gar verdrossen in sinem Offizio, daß man sich bei dem Consistorio deshalb beklagen muß“.Vielleicht wurde ihm deshalb als Provisor der Neuffener Bürger und Seiler Hans-Jörg Kneilin, zugleich Mesner, zur Seite gestellt. Neuffen hatte nun immerhin wieder 510 Ein-wohner.

In Neuffen existierten nach einer landesweiten Steuerschätzung noch 126 Gebäude; 1634 waren es immerhin 259 gewesen. Im Amte waren es 597 (1634: 1210). Man zählte in Neuffen 867 Morgen Äcker (1013), 92 Morgen Weingärten (185) und 570 Morgen Wiesen (588). Für das Amt lauteten die entsprechenden Zahlen: 3621 (5912), 394 (872) und 2071 (2303). Wie man leicht ausrechnen kann, betrug der Verlust im Amt bei den Äckern kanpp 40 %, bei den Wengerten sogar fast 55 %! Die Zahl der Gebäude hatte sich nahezu halbiert.

 

Den ausgehungerten und verängstigten Menschen fehlte sowohl die Kraft als auch der Wille zur Arbeit. Denn „Wer will säen, wenn er weiß, daß andere schneiden?“

Im Amte Kirchheim wurde den Bauern 1660 bei Androhung einer Strafe auferlegt, binnen Jahresfrist je ein Viertel Weinberg wieder zu kultivieren. Doch der Erfolg war eher mäßig; in den folgenden Jahren gaben zahlreiche Gemeinden den Weinbau ganz auf.

Doch nicht nur das Saatgut fehlte, auch Zugtiere, die zur Bestellung der Felder eingesetzt werden konnten, waren praktisch keine mehr vorhanden: „Nachdem die Pferd und Ochsen, als zum Zug und Feldbau gehörig, geraubt und weggeführt worden, daß in vielen großen Flecken nicht ein Haar oder Klau dahinden geblieben, so hat dem Ackerfled durch Zackeren, Brachen, Felgen, Dungen und Eggen sein Recht nicht mehr willfahren können, dahero viel tausend und abertausend Morgen Felds zur Wüste und Einöde worden und anjetzo anstatt der edlen Früchten Unkraut, Gras, Distel und Dörner tragen, daß einem wohl graust, der fürüber reisen muß. Hat man schon etliche Menschen (wie es leider, Gott erbarme es, an unterschiedlichen Orten gesehen) an ein Pflug gestellt und etwas umreißen wöllen, so vermochten doch diese durch den blutigen Hunger erzogene und halb erstorbene Totenbilder weniger als nichts auszurichten, sie hatten Mühe genug, ihre kraftlosen Beine nachzuziehen. So kann durch andere Arbeiten als Graben, Schoren und Hacken wenig verrichtet, und den starken Feldern nichts abgewonnen werden, sintemal die Erd schlecht berühret wird, und man nicht so tief kommt, daß die Würzele, wie es durch den Pflug geschieht, abgeschnitten wurden.“

Aus einem Bericht des Melchior Sylvester Eckhard, Pfarrer von Stetten im Remstal.

 

Es gab folglich immer weniger Vieh, mit dessen Hilfe die Felder bestellt werden konnten. Um diesem Mangel an Zugtieren abzuhelfen, beschloß der Landtag schon 1642, jedem Amt zur Bestellung der Frühjahrssaat eine Anzahl Zugochsen zur Verfügung zu stellen. Viel war freilich von der Regierung nicht zu erwarten, denn auch ihr fehlten die Mittel. Auch ihre Lehensgüter brachten keine Gülten mehr ein, auch ihre Felder und Weinberge waren verwüstet. Auf dem unbebauten Land wucherten Unkraut und Gestrüpp. Bald wußte man nicht mehr, wem die Güter überhaupt gehören. Die Besitzer waren gestorben oder mit dem verwilderten Heer weitergezogen. Wer ein unbebautes, fremdes Stück beackerte, durfte es 3 Jahre lang unangefochten weiter bebauen. Aber nur wenige überhaupt konnten von diesem Recht Gebrauch machen!

Ähnliche Sorgen hatte die Obrigkeit, wenngleich diese von ganz anderer Dimension waren: So kam von Stuttgart der Befehl, das Gestrüpp um die Festung aufzuräumen, das über den Vorhof bis an die Tore und über die Mauern gewachsen war, und »den Unrat an Hütten, Stroh, Schlangen und Kröten«zu beseitigen. Herzog Eberhard III. stattete dem Neuffen selbst seinen Besuch ab, brachte aber vorsorglich sein eigenes Küchenpersonal mit. Er ordnete persönlich an, daß die Zisternen und der Eselsbrunnen wieder instand gesetzt werden sollen. Sein Epitaph befand sich bis zu deren Zerstörung im 2. Weltkrieg in der Stuttgarter Spitalkirche.

 

So herrschte lange Zeit der Hunger, da die Felder nicht bestellt werden konnten. Das Ensinger Kirchenbuch schildert mit erschütternder Anschaulichkeit die Hungersnot jener Kriegsjahre: Alles, „was auf Erden krochen und ghopfte“, wurde verzehrt – selbst Katzen, Hunde, Schnecken und Frösche! Klagend und anklagend wurde gesagt: „Die jungen Kinder haben Brot geheischen, und es ihnen niemand gebrochen, auch teils in der zarten Kindheit mit schlechtem Wasser und darzu gar klemmen Habermus verliehen müssen“. Der Heidenheimer Spezial berichtete gar: „In Nattheim habe ein Weib aus Hunger ihr eigenes totes Kind angegriffen; desselben Arme und Schenkel gekocht und gegessen.“

 

Im Totenbuch von Grafenberg lesen wir dazu:

„ - den 24. Februar, Anna Maria, Veit Eberlins Wittib, 50 Jahre alt, ist zwischen Klein Bettlingen und allhier todt gefunden worden, aber allem vermouthen nach Hungers gestorben.

- den 10 Marty, seind gestorben Matthay und Johannes, Stoffel Kletten Kinder, deren der eine 4, der ander 7 jährig gewesen. Seind Hungers gestorben, und hat der Fleckh nit mögen darzu thun, als sie auch weren erhalten worden.

- den 9. April: ist zue Nürtingen gestorben, Margeretha, Stoffel Kletten Kind, 13 jährig sol bettlen umb hergegangen, und unversehens, wegen des äußeren Hungers umbgefallen und gestorben sein.“

 

Dazu kam auf jeden Untertanen des Landes 1655 eine Schuldenlast von 30 bis 40 Gulden. Das bedeutete gegenüber dem Vorkriegsniveau eine viermal höhere Belastung. Auch mit den öffentlichen Finanzen stand es nicht besser. Die Verschuldung von Flecken und Ämtern war durch die Kriegseinwirkungen ebenfalls mindestens auf das Vierfache gestiegen. Zudem boten Steuerbelastungen, die den Ertrag mühseliger Arbeit ungebührlich dezimierten, keinerlei Anreiz, Landwirtschaft, Handel und Gewerbe wieder in Gang zu bringen. Die Regierung sah sich deshalb veranlaßt, die Steuerbelastungen, insbesondere für die völlig verarmte Bauernschaft, zu senken. Und der Wiederaufbau begann, wenn auch langsam und zögerlich: „Ja, auch der liebe ackher und feldbaw, welcher lange zeit wisst und oed gelegen ist“, sollte aufatmen, „das er einmall wider recht gepflüeget und gebauet wurde, damit wir elenden menschenkinder wider unser underhaltung darvon haben, das wir unsern großen schaden, den wir empfangen haben, wiederumb mögen heilen und unsers leidts ergetzt werden.“

 

Um diesen Wiederaufbau auch auf ihren Fluren in Gang zu bringen, schrieben die Neckartailfinger Anfang 1655 eine Eingabe an den württembergischen Herzog:

„Durchlauchtig Hochgeborener

Gnädiger Fürst und Herr, E(uer) Frstl. Gn.

Ist uß unsseren mehrmaligen Unterthönigen Supplicationibus gn. wißend, daß in Höchstlaidigen Kaiserlichen Einfall Anno 1634 allhiesiger Fleckh von einer starkhen Partie Reutter ußgeplündert, angezündet, und gäntzlich abgebrent worden, daß also weiter nicht dazu ein Hauß, und zwey kleine Hütlein überig gebliben, dahero auch erfogt, daß die Burgerschaft, so in 186 Mann bestanden, voneinander getriben, und sich nimmermehr faßen können.

Nun haben wir zwar nach und nach dahingetrachtet, wie der Fleckh , müglichst wieder erbauet: Und dadurch populiert werden möchte, zu dem grade auch alles, waß uffzutreiben müglich geweßen, zur erlangung aigener underschläuff, angewendet warzu daß mehiste Bauholz in unßern aigenen Wäldern gehauen und solchergestaöltem biß dato in allem wider 22. Inwohner zusammen.“

 

Allerdings waren auch jetzt noch, in den letzten Kriegsjahren und den ersten Jahren danach, die Verhältnisse nur schwer zu ertragen, wie der Eintrag von Spezial Kies im Kirchenbuch in Neuffen verdeutlicht: „ Von diesem Tage an (29. 1. 43) bis zum 2. 2. hat das Ausplündern durch das schwedisch-französische Heer gewährt. Nach solchen ist kommen das kayserlich und bayrisch Volk, das hat vollends aufgeräumt. Welches Rauben von beiden Völkern gewahret allhie zu Neuffen 9 Tage. Welches Wesen gemacht, daß wir fast alle uns am Berg aufgehalten und geflohen.“

 

Wie schlecht es zu dieser Zeit um 1640 trotz einer gewissen kleinen Besserung immer noch stehen mußte, sieht man auch daran, daß im ganzen Amt Neuffen nur von der Stadt Neuffen selbst noch das Umgeldeinging, also die Getränkesteuer für jedes 10. Ausge-schenkte Maß, weil es sonst keine Wirtshäuser mehr gab! Trotz allen Mangels und trotz aller Not und dem schon erwähnten Rückgang der Rebflächen samt den fehlenden Arbeits-kräften wurden ab 1640 in den Büchern immer wieder Weingartschützen“erwähnt, die man insbesondere zur Herbstzeit für den Schutz der weit außerhalb des Orts gelegenen Weinberge vor gefiederten, vierbeinigen, vor allem aber auch vor zweibeinigen Dieben benötigte. In Frickenhausen wurden dagegen keine Roß- und Kuhhirten mehr gebraucht, denn alles Vieh war entweder geschlachtet oder fortgetrieben worden. Auch der Feldhüter verlor sein Amt: Wegen der verwüsteten und brachliegenden Felder war auch er überflüssig geworden.

 

Ein Großteil der nach Nürtingen hinter die festen Mauern geflohenen Frickenhäuser, unter ihnen auch Pfarrer Gebhard Brastberger, starb durch die Pest. Die Seuche reduzierte die Bevölkerung überall drastisch, so daß man in vielen Orten kaum mehr in der Lage war, die für das Existenzminimum notwendigen Felder und Wengerte zu bestellen. In einem Bericht von 1640 hieß es: Mithin hat die Pest drei Viertel der Menschen aufgerieben und kaum der vierte Teil hat das Leben kümmerlich davongebracht und ist auch von so vielen Gütern bloß der zehnte Teil angebaut worden und da in jedem Ort statt vorzeiten 100 nur noch 4 Pferde und gar kein Rindvieh gewesen ist, so mußten die Menschen entweder selbst den Pflug ziehen oder es mühsam mit der Hand bauen.“

 

In Grabenstetten stürzte ohne Kriegseinwirkung der Kirchturm ein; der Neuffener Vogt sagte Unterstützung zu, verlangte aber als Pfand die erhalten gebliebene große Glocke von 1493. Sie wurde 1642 nicht ohne Schwierigkeiten die alte Steige“herab nach Neuffen gebracht, weil das Neuffener Geläut durch den teilweisen Einsturz der Kirche zerstört war. Schließlich sollte Neuffen 460 fl dafür an Grabenstetten bezahlen, hatte aber nur 260 flüssig. Die restlichen 200 fl ist Neuffen den Grabenstettern angeblich bis heute schuldig geblieben! Die „Osanna“-Glocke läutete zum 1. Mal am 16. Oktober 1642 zum Begräbnis von Frau Maria Kling geb. Lederer, der Frau des Bürgermeisters Peter Kling.

 

Zur Hebung der sittlichen und moralischen Ordnung der Bevölkerung und zu deren Überwachung wurde von Hofprediger Johann Valentin Andreä in ganz Württemberg der Kirchenkonventeingeführt. Seitdem wurden auch in Neuffen Konvents-Protokollbücher geführt. Dem Konvent, einer Art Sittengericht, gehörten in der Regel der Pfarrer, der Schultheiß, der Heiligenpfleger und mehrere Beisitzer, i.a. 2 gewählte Gemeindemitglieder, an. Er trat regelmäßig, mindestens einmal im Monat, am Sonntagnachmittag zusammen, überwachte Kirchenzucht und Lebenswandel der Bevölkerung, war mit der niederen Gerichtsbarkeit ausgestattet und konnte deshalb Strafen verhängen wie Einsperren in den Turm, die Prügelstrafe bei Jugendlichen, vor allem aber die gefürchteten Geldstrafen. Die heimlichenAngeber“ oder „Heimbringer“bekamen für ihre Meldungen an den Konvent ihren Anteil an der Strafe, das Aufbringdrittel“, sofern eine Geld- oder Sachstrafe ausgesprochen wurde.

 

In Süddeutschland nannte man den aus dem Ortsadel hervorgegangenen Ortsvorsteher seit dem 15. Jahrhundert Schultheiß (oder „Schultes“); er wurde ab dem Jahr 1648 in Altwürttemberg von der Einwohnerschaft in freier Wahl gewählt und war Gemeinde-oberhaupt, Vorsitzender des Gemeinderats, stellvertretender Vorsitzender des Kirchenkonvents, oft auch Wirt und Posthalter. Dieses Amt konnten in Württemberg nur Begüterte ausüben, weil der Schultes bei Dienstantritt eine Kaution hinterlegen mußte, die er – mit Zins und Zinseszins – erst beim Ausscheiden aus dem Amt zurückbekam – sofern er gut gewirtschaftet hatte. Damit wurde er zum Teilhaber am Gemeindevermögen und hatte am Wohlergehen seines Ortes selbst höchstes persönliches Interesse.

 

Trotz aller Kriegsgreuel ging das Leben erstaunlicherweise oftmals weiter, als wäre nichts geschehen. So wurden erstmals 15 Mädchen erwähnt, die die Neuffener Schule besuchten. Wann freilich die Schule wiedereröffnet wurde und welche Mädchen in den Genuß des Schulunterrichts kamen, ist nicht überliefert, genauso wenig, wie es zu diesem ersten Unterricht für Mädchen kam. Allerdings waren auch jetzt, in den letzten Kriegsjahren, die Verhältnisse nur schwer zu ertragen, wie der Eintrag von Spezial Kies im Kirchenbuch verdeutlicht:„Von diesem Tag an (29. 1. 43) bis zum 2. 2. hat das Ausplündern durch das schwedisch-französische Heer gewährt. Nach solchen ist kommen das kayserlich und bayrisch Volk, das hat vollends aufgeräumt. Welches Rauben von beiden Völkern gewähret allhie zu Neuffen 9 Tage. Welches Wesen gemacht, daß wir fast alle uns am Berg aufgehalten und geflohen.“

Obristleutnant Florian von Westerburg mit einer Kompanie des Zinkischen Regiments lag für 13 Tage in Nürtingen und im Amt Neuffen. Diese letzte größere Einquartierung kostete noch einmal 3.304 fl. Neuffens Bevölkerung war bis 1647 wieder auf rund 500 angewachsen.

 

Es gab auch andere, auf den ersten Blick eigentümliche Reaktionen auf das unbegreifliche Geschehen. Eine davon sei hier geschildert, weil sie exemplarisch zeigt, was der einfache Mann dachte und fühlte und wie bürokratisch selbst zu dieser Zeit des alles übersteigenden Horrors die Obrigkeit noch reagierte – und natürlich auch, weil sich diese Geschichte teilweise in unserer unmittelbaren Nachbarschaft abspielte:

Überall sahen die gequälten und ausgeplünderten Stadt- und Landbewohner, von Kriegsängsten geplagt, bedeutungsvolle Himmelszeichen, so in Notzingen und Hepsisau eine blutrote Sonne „in Form eines großen Geschützes“oder andere Zeichen am Himmel als Vorboten für neue Kriegsschrecken.

So wollte auch der Gerlinger Wengerter Hans Keil vom 4. Februar 1648 an mehrere Visionen von Engeln gehabt haben, die ihn und die Welt, auch die Herrschaft, zum Um- und Einkehr aufforderten und ihm als Zeichen Reben schnitten, die sogleich zu bluten anfingen. Da Keil trotz eindringlicher Ermahnungen und Vorhaltungen von Spezial und Vogt während mehrerer Vernehmungen bei seinen Aussagen blieb, wurde er auf den Rat der Konsistorialräte Johann Valentin Andreae, Schüle und Zeller hin durch Herzogsbefehl Ende März von einem Hoffourier und vier Musketieren ins Gefängnis auf den Hohenneuffen verbracht. Weil er auch nach hartem Arrest nicht widerrief, wurde ihm knapp 3 Monate später in Nürtingen der Prozeß gemacht. Am 23. September morgens zwischen 8 und 9 Uhr wurde das Urteil in Nürtingen vollstreckt. Keil wurde vom Scharfrichter „an sein Hand und Hand genommen“ und eine Viertelstunde öffentlich an den Pranger gestellt. Hierauf wurde er „gebührend“ entblößt und bis vor das Neckartor hinaus „mit Ruten ausgestrichen“. Der Verurteilte hatte sich strackswegs aus dem Lande über den Rhein zu begeben und sollte also des Herzogtums Württemberg „öwig“ verwiesen sein, das alles „ihm zu wohlverdienter Straf, anderen aber zu einem abschreckenden Exempel.“

 

Der nun schon ins 30ste Jahr gehende Krieg mit seinen verheerenden Auswirkungen rief bei zahlreichen Menschen in Stadt und Land nicht nur eine große Friedenssehnsucht hervor, sondern weckte auch den Wunsch nach einem einigen »Teutschland«.

 

Ende des 30jährigen Krieges im Westfälischen Friedenvon Münster und Osnabrück. Der Kommandant des Hohenneuffen, Hauptmann von Ragowitz, hatte die Ehre, am 31. 10. die Geschütze 3mal lösen zu dürfen. Wohl war nun Frieden, aber unser Städtchen lag darnieder, war zum größten Teil abgebrannt, zerstört, seine Einwohnerzahl war durch Krieg und Pest stark reduziert. Felder und Weinberge lagen brach. Es gab so gut wie keine Kühe und Pferde mehr. Die wenigen Überlebenden litten immer noch schrecklichen Hunger. Wie überall, füllte sich das Bevölkerungsvakuum langsam durch Zuwanderer wieder etwas auf, in Beuren z. B. durch die Familien Döbler und Schlegel aus der Schweiz, Hartlieb aus dem Kraichgau oder Lauttner aus Böhmen, in Grafenberg durch die Familien Frey, Hanselmann, Hübsch und Buchmann aus der Schweiz oder Ebner und Mayer aus dem Salzburger Land. Auch Leute aus Bayern, Sachsen und Tirol ließen sich hier nieder.

 

Von Kappishäusern berichtete die Oberamtsbeschreibung von 1905, daß es bis 1651 öd lag. Über Balzholz hieß es darin: Im dreißigjährigen Krieg ging der Ort, der aus 6 Häusern und 5 Haushaltungen bestand, ganz ein und wurde erst nach 1651 [nach und nach] wieder aufgebaut.“

Eine durch den Landesherrn eingeforderte Bestandsaufnahme ergab für Neuffen 387 Seelen, das macht einen Verlust von 63 % der vor der Pestepidemie und der Schlacht von Nördlingen hier lebenden 1.043. 1643 waren es 350 und 1634/35 durch die Pest gar nur rund 250. In Nürtingen betrug der Blutzoll sogar 77,5 %. Von 2.000 Bürgern kamen 1.550 um, eine der höchsten Raten im Lande! In Beuren zählte man 1653 noch 389 Einwohner.

Für Kirchheim wiesen die kirchlichen Visitationsprotokolle einen Bevölkerungsverlust von rund 36 % aus. Im gesamten Herzogtum Württemberg sank die Einwohnerzahl von 450.000 im Jahr 1618 auf 125.000 anno 1645. Wie dramatisch die Kriegsauswirkungen waren, mögen die folgenden Zahlen von Kappishäusern belegen. Wurden dort 1634 noch 12 Haushalte besteuert, so waren es 1655 nur noch 4; es lebten aber wieder 20 Einwohner unter dem Jusi. Die landwirtschaftliche Nutzfläche ging bis in dieses Jahr stark zurück: bei Wiesen und Gärten von 41 auf 33 Morgen, bei den Äckern von 99 auf 10, bei den Wäldern von 43 auf 26 und bei den Wengerten von 41 auf 8 Morgen.

Zum Verlust an Menschen kam der Verlust an Häusern und Gebäuden. Bei einer Erhebung in Württemberg aus dem Jahre 1652 wurde die Hälfte der Häuser als zerstört bezeichnet. Und der Zustand der erhaltenen Häuser und Wohnungen war extrem schlecht. Dabei wurden die meisten Häuser nicht einmal durch direkte Kriegseinwirkungen zerstört, sondern zerfielen, weil ihre Bewohner entweder geflohen oder gestorben waren. Zudem hatten Militär und Zivilbevölkerung die verlassenen Gebäude vielfach als Quellen für billiges Brenn und Baumaterial ausgeschlachtet.

Ein Drittel des Kulturlandes an Äckern, Weinbergen, Wiesen und Gärten lagen unbebaut, wüst und verkommen. In einer Schadensaufstellung, die das Amt Neuffen fertigte, liest man, daß z. B. in Grafenberg 45 Morgen Weinberge unbebaut waren oder völlig wüst liegen. „In den dörffern wurden fast keine menschen mer gefunden, allso das die hüesser von sich selbsten einfiellen, der ackherbau lage ödt und wuest, das distel und dorn darob waxten“,alles lag darnieder, die pauren konten niemandt weder gülten noch korn geben“. Es fehlte ihnen vielfach sogar das Saatgut, da die feindlichen Truppen alles vorgefundene Getreide selbst ausgedroschen und verkauft hatten. Im gesamten Amt Nürtingen war nur noch der 10. Teil der früheren Anbaufläche tatsächlich bebaut. Die Kosten dort für abgepreßte Kontributionen überstiegen 1 Million, die für Plünderungen betrugen mehr als 400.000 fl!

 

Neuffen hatte 1655 immerhin wieder 510 Einwohner.

Hier existierten nach einer landesweiten Steuerschätzung noch 126 Gebäude; 1634 waren es immerhin 259. Im Amte waren es 597 (1634: 1210). Man zählte in Neuffen 867 Morgen Äcker (1013), 92 Morgen Weingärten (185) und 570 Morgen Wiesen (588). Für das Amt lauteten die entsprechenden Zahlen: 3621 (5912), 394 (872) und 2071 (2303). Wie man sieht, betrugt der Verlust im Amt bei den Äckern kanpp 40 %, bei den Wengerten sogar fast 55 %! Die Zahl der Gebäude hatte sich nahezu halbiert.

Jeden Untertanen des Landes drückte 1655 (im Schnitt) eine Schuldenlast von 30 bis 40 fl. Das bedeutete gegenüber dem Vorkriegsniveau eine viermal höhere Belastung. Auch mit den öffentlichen Finanzen stand es nicht besser. Die Verschuldung von Flecken und Ämtern war durch die Kriegseinwirkungen ebenfalls mindestens auf das Vierfache gestiegen. Zudem boten Steuerbelastungen, die den Ertrag mühseliger Arbeit ungebührlich dezimierten, keinerlei Anreiz, Landwirtschaft, Handel und Gewerbe wieder in Gang zu bringen. Die Regierung sah sich deshalb veranlaßt, die Steuerbelastungen, insbesondere für die völlig verarmte Bauernschaft, zu senken.

Und der Wiederaufbau begann, wenn auch langsam und zögerlich: Ja, auch der liebe ackher und feldbaw, welcher lange zeit wiest und eed gelegen ist“, sollte aufatmen,das er einmall wider recht gepflüeget und gebauet werde, damit wir elenden menschenkinder wider unser underhaltung darvon heben, das wir unsern grossen schaden, den wir empfangen haben, wiederumb mögen heilen und unsers leidts ergetzt werden“.

So war es auch in Neuffen. Schon bald setzte ein, wenn auch mühsamer Wiederaufbau ein, und das Leben begann, sich ganz langsam zu normalisieren: Davon künden vor allem der (provisorische) Wiederaufbau der Martinskirche (schon ab 1647/48), die geregelte Wiederaufnahme des Schulunterrichts (1651), der Wiederaufbau von 2 Keltern und des großen Fruchtkastens ab der Stockmauer“ (1654/55), wozu Stadt und Amt Neuffen 72 Eichenstämme liefern mußten, die in der Unterlenninger Mühle gesägt wurden; zudem mußten die Neuffener Roß- und Handfronleisten, also Spann- und Arbeitsdienste. Schon im letzten Kriegsjahr war über dem Chor und wohl auch über der Sakristei ein Dach errichtet worden. Nun erfolgte der Aufbau des Langhauses: Anstelle der eingestürzten Südwand entstand eine von verputzten Eichenstämmen getragene Fachwerkwand, die von Stützbalken zur Nordwand gesichert wurde. 1650 erhielt auch der Turm sein Dach. Mit der Ausmalung durch den Maler Hermann aus Reutlingen wurde die Renovierung 1667 vollendet, wie eine Inschrift im Chor zeigt. Ob dazu auch das wieder entfernte Bild der Berufung des Propheten Jesaja im Ornat eines evangelischen Predigers, gestiftet von „Johann Schall, des Rats“, über dem Eingang der Sakristei gehört hat? Oder das Bild vom jüngsten Gericht am Chorbogen? Sicher werden die Fenster Rahmungen im Stil der Zeit bekommen haben.

Auch wurde mit dem Rathaus-Neubau begonnen (1657), der freilich 1670 noch nicht beendet war. Über den heute wieder offenen Laubengängen gab es außer den Amtsstuben einen großen Festsaal, in dem – mangels anderer Gelegenheit – Taufen, Hochzeiten und andere Feste gefeiert wurden, sowie drei flachere Stockwerke unterm Dach zur Lagerung und Trocknung der Feldfrüchte. Zwar konnte SpezialKies schon 1648 das erste Ehepaar trauen und die ersten beiden Kinder auf dem neuen Taufstein taufen. Doch Geldsammlungen in anderen Ämtern zugunsten des Neuffener Kirchenbaus fielen sehr mager aus; man hatte ja selber nichts. Deshalb fanden die Gottesdienste noch jahrelang unter freiem Himmel oder im Saal des Melchior-Jäger-Schlößchens statt.

Obwphl der offizielle Frieden 1648 verkündet worden war, zogen die letzten fremden Truppen erst 1650 ab. Am 11. August feierten die Überlebenden im ganzen Land in Friedensfesten das Kriegsende und geben damit ihrer Freude und Erleichterung Ausdruck.

Das größtenteils verbrannte alte Schulhaus am Kelterplatz wurde um 1660 wieder aufgebaut, wenn auch nicht in dem Umfang, den es zuvor gehabt hatte.

 

Der Tübinger Maler Johannes Glocker malte das bis letztes Jahr auf dem Flur des 1. Stocks im Rathaus eher im Verborgenen hängende, stark beschädigte Ölgemälde von der 1667 in Neuffen geernteten Riesentraube mit ihren exakt gezählten 450 Beeren. Der daruntergeschriebene Text lautet: Diesen hieroben stehenden Trauben Welcher in Anno 1667 Matthai Hetzers Weingardten in dem glitzenbacken gefunden worden u. in der Länge. 15. in der Dicke aber 25. Zoll gehaltten. 450. beer getragen, u. 3. tt. 7. loth gewogen., haben dazumahlen als etwas rares seier außerordentlich, größe halber H. Jacob Feig Keltternmester, H. Christoph Hegel Schreiber, Hanns Georg Kneißlen Mäster, Daniel Kopp Kellerey Kieffer, item Jacob Kling u. Michael Scholl Träger abschiltern: In Anno 1776. den 8. octobris aber H. Johann georg Straub bürger u. Kelternmeister auch Herrschaftlicher Kieffer, item H. Substitut Jacob Christoph Ditzinger, als Kelternschreiber nebst H. Johann Jacob Mohnen StattChirurgo u. Mastern, auch Jacob Meyern u. Nichro Scheyhen beiden Trägern durch H. Johannes Glocker Kunstmahler zu Tübingen wieder Renoviren Laßen.“

Das Bild befindet sich zur Zeit im Fundus des Museums. Bevor es der Öffentlichkeit präsentiert werden kann, müßte es erst einmal von kundiger Hand restauriert werden. Doch dazu fehlen dem Verein im Moment die Mittel. Zudem müßte in den Museumsräumen ein entsprechend repräsentativer Platz freigemacht werden, wo es aufgehängt werden kann.

 

Der Vogt von Neuffen sah sich bei der alljährlichen Rechnungsprüfung zu der Bemerkung veranlaßt, „daß einzelne Posten, neben anderen in dieser Rechnung befundene übermäßige Zehrungen . . . künftig nicht mehr werden passieren können“,weil zum Weinleseabschluß in Linsenhofen Richter und Heimbürgen, der Kelterschreiber, der Zehntmeister und sechs Kelterknechte für 7 Gulden 35 Kreuzer 185 Liter Wein verzechten“.

Das Melchior-Jäger-Haus wurde an Privat veräußert.

Erneut gab es Klagen wegen mehrerer Lehrer. Seit 1672 war PräzeptorKaspar Schelling Leiter der Lateinschule. Da er obstinat und unverbesserlichsei, baten Amtsleute und Gemeinde den Herzog, sie durch anderweitige Besetzung der Schule gnädigst zu erfreuen“. Ob der ihm 1691 beigegebene neue Provisor, also der Hilfslehrer, Johann Adam Colmar, der richtige Mann war? Da bestanden doch etliche Zweifel. Er war Schreiner von Urach und fleißig, aber von schlechter Qualität, zur Orgel unfähig“. Er hatte im Winter 69 Knaben und 43 Mädchen zu betreuen!

 

In Grabenstetten bereiteten große und kleine Tiere Ungemach. Deshalb war der Uracher Forstknecht zugleich Wolfsjäger und hatte einen großen „Wolfsgarten“ im Grabenstetter Wolfsgründlin. Zudem kam ein Maußjäger zue Beuren hierher, der wegen allhier gefangener VeldMäuß und Maulwerfen“1 fl erhielt. Auch in Neuffen gab es eine Wolfs-grube, am heutigen Schelmenwasengelegen. Für eine solche Falle hob man ein tiefes Loch aus und setzte einen Köder hinein, meist ein Zicklein, durch das die Wölfe angelockt wurden.

In den Amtsorten Frickenhausen und Linsenhofen forderte der Hexenglaube seine Opfer. Aufsehen erregte der Fall des Hans Georg Auernecker aus Tischardt, der als Hexenmeister wahrscheinlich zum Tode verurteilt wurde. Ebenso erregte der Fall des 11jährigen Bartholomäus Sib im Calw des Jahres 1677 Aufsehen, dem zunächst der Gilftmord an 2 Kindern vorgeworfen wurde und der nach seinem unter der Folter erzwungenen Geständnis auch der Hexerei bezichtig wurde. Allseits bekannt sein dürfte, daß im 16. Jahrhundert (1562/63) in der Herrschaft Wiesensteig eine der größten Hexenverfolgungen der weiteren Umgebung stattfand, bei der mindestens 63 Frauen und Männer als Hexen und Unholde“ hingerichtet wurden.

Die württembergische Landmiliz war gegenüber den erneut in Württemberg eindringenden, kriegserprobten französischen Truppen nahezu bedeutungslos. Zwar rückte eine Kompanie aus Nürtingern und Neuffenern im April nach Marbach am Neckar aus, um sich gegen die Eindringlinge zu stellen. Doch nur 10 Tage später kehrte sie unverrichteter Dinge schon wieder heim; im Juni dauerte es sogar nur 9 Tage, ehe die zu Pferd nach Maulbronn geeilte Kompanie zurückkam.

1675 wurde das ehemalige Pfründhaus der Schillingspfrüde von der Geistlichen Verwaltung wieder zurückgekauft. Laut Rechnung von 1701/2 wurde die Hofstatt des inzwischen offenbar wieder in Privatbesitz übergegangenen Anwesens durch Testament der Witwe des von 1662 in Neuffen angestellten Spezials Alber der Geistlichen Verwaltung für eigen“überlassen, durch Resolution vom 18. Februar 1704 angenommen und unter leichten Bedingungen dem Spezial und Stadtpfarrer als Küchengarten zur Nießung überlassen. Der jetzige Pfarrgarten ist also ein Teil des Schillingschen Pfründhauses „samt Zubehörden“. Im ehemaligen Pfarrgarten steht heute das evangelische Gemeindehaus.

Gegen den ausdrücklichen Wunsch des Neuffener Magistrates entschied Stuttgart 1676, daß zukünftig der Provisor auch im Sommer Schule zu halten hatte und dafür bezahlt werden mußte.

Im Jahr 1676 war die Zahl der Lateinschüler von 0 (im Kriegsjahr 1643) über 6 (1661) wieder auf 10 angewachsen. Doch waren nur noch im Jahre 1703 weitere Schüler in den Akten verzeichnet, nämlich gerade einmal 6 an der Zahl. Dies alles wissen wir aus den peinlich genau geführten Visitationsprotokollen der Neuffener Dekane und Stadtpfarrer. Darin finden sich häufig auch Bemerkungen über den gesamten Lebenswandel und sogar über die Haushaltsführung der Schulmeister. So lesen wir dort: . . . lehrt wohl, ist fleißig . . .“,oder . . . ist ein feiner Mann, guten Lebens und Wandels . . .“, aber auch „hat eine böse Ehe gehabt, ist dem Trunke etwas ergeben . . .“und weiter . . . lebt in II. Ehe friedlich, hilft sogar beim Kochen . . .“

Durch den starken Zuzug von Auswärtigen war Grafenberg einer der ersten Orte im Amte Neuffen, der mit 239 Einwohnern den Vorkriegsstand übertraf. Protestanten aus Österreich, die ihres Glaubens wegen aus der Heimat vertrieben wurden, fanden zwischen 1646 und 1695 in Frickenhausen und in Tischardt Aufnahme.

Die Tischardter waren fast alle sehr arm, und deshalb wurde bis zum 19. Jahrhundert in Tischardt Watte hergestellt und mit Baumwolle gehandelt, die von den Bewohnern durch Hausieren im ganzen Land abgesetzt wurden, um dadurch das kärgliche Einkommen wenigstens ein kleines bißchen aufzubessern. Als Reminiszenz an diese Zeit wurde 1998 der Verein der „Tischardter Wattebolla“gegründet, der erste närrische Verein im erweiterten Täle. Seine „Wattebolla Weiber“sollte man jedoch tunlichst nicht als Hexen bezeichnen!

Seit Oktober 2008 gehört auch der Hagscherer“zur Narrengruppe dazu. Dies ist der zweite Ortsneckname, wie im Heimatbuch von Hans Schwenkel nachzulesen ist. Denn Tischardt war zwar seit alters her von Wäldern umgeben; zur Markung selbst gehörten aber nur wenige Meter Waldrand, auch „Hag“ genannt. Die Einwohner der umliegenden Gemeinden ärgerten die Tischardter damit, daß sie die kleinen, am Waldrand wachsenden Bäume nicht mit Axt und Säge fällen müßten, sondern daß dazu auch eine Schere reichen würde.

Aus Angst vor den näherrückenden Franzosen brachte Erkenbrechtsweiler seine Heiligen-truhe samt Geld und Urkunden auf den Neuffen; bei der Abholung erhielt der Kommandant, Hauptmann Johann Friedrich Neumann, 20 x für deren Aufbewahrung.

Beim einzigen, wirklich erfolgreichen militärischen Einsatz der Reichstruppen gegen Ludwig XIV. waren auch Truppen des schwäbischen Kreises beteiligt, darunter eine Auswahl von Stadt und Amt Kirchheim. Mit Pferdewagen wurde dabei 1676 Geschütz vom Hohenneuffen zu der von Franzosen besetzten Festung Philippsburg gekarrt, die danach erobert werden konnte.

Herzog Eberhard Ludwig regierte das württembergische Land zur Zeit des Absolutismus und leistete sich eine äußerst verschwenderische Hofhaltung, während seine Untertanen darbten und unter der drückenden Armut mehr dahinvegetieren denn leben mußten.

Der Kommandant auf dem Neuffen hieß nun Rittmeister Johann Wolfgang Waldenberger. Von ihm befindet sich seit 1907 ein gut erhaltener Grabstein im Chor der Martinskirche, der vorher auf dem Friedhof stand. Er gibt Kunde von einem Kommandanten, der 10 Jahre lang den Hohenneuffen befehligte: „Hier ruht der wohl edel vest und mannhaft Herr Wolfgang Waldenberger, Rittmeister und Kommandant auf Hohenneuffen, begraben d. 2. März 1688, und seine Frau Maria Magdalena Waldenbergerin“. Von ihm wird 200 Jahre lang ein Degen zunächst in der Kirche, dann im Rathaus aufbewahrt, den er von Robert Duclaß geschenkt bekommen hatte. Dieser war in seiner Jugend Page bei König Gustav Adolf, seit 1646 war er schwedischer Gouverneur der in Schwaben besetzten Orte und damit auch für den Hohenneuffen zuständig. 1891 wurde ein Verwandter des Spenders, Graf W. Douglas, den Degen der Kirchengemeinde um 200 Mark abkaufen.

Auf dem Hohenneuffen wurde nur noch alle 2 Wochen durch den Beurener Pfarrer Johann Ludwig Glück eine Predigt gehalten. Vielleicht war mit ein Grund dafür, daß dessen über 70jähriger Vater Johann Jakob 1670 um Pensionierung und Rente gebeten hatte, wegen „Schwindel“und „Entfallung der Gedechtnus“, und auch weil es ihm unmöglich . . . das Bergschloß Hohenneuffen zue ersteigen!Die Besoldung des Beurener Pfarrers durch die geistliche Verwaltung Neuffen bestand aus jährlich 74 fl, 4 Scheffel Roggen, 28 Scheffel Dinkel, 8 Scheffel Hafer, 5 Eimer Wein und einem Fuder Stroh. Dazu kamen 6 Imi Wein aus der eigenen Heiligenpflege für das Abendmahl und 4 Klafter Holz von der eigenen Gemeinde. Außerdem standen dem Pfarrer das Pfarrhaus und etliche Liegenschaften zur Verfügung und er erhielt den Heu- und Kleinzehnt, letzteren allerdings nur von Balzholz, so lange, bis dieser abgelöst und vom Staat übernommen wurde. Kleinzehntfrüchte waren damals: Hanf, Obst, Nüsse, Kraut und Rüben.

Neuffen (40 Klafter) und Nürtingen (60 Klafter) mußten für die Heizung des Nürtinger Schlosses das Brennholz bereitstellen. 1 Klafter sind aufgeschichtete Holzscheite, 4 Fuß (1 württ. Fuß = 28,6 cm) tief, 6 Fuß breit und 6 Fuß hoch, insgesamt also gut 1,10 x 1,70 x 1,70 m mal 40 bzw. mal 50.

 

In diesem Jahr 1680 fielen in Beuren am 10. August hühnereigroße Hagelkörner und (be-) schädigten Weinberge, Getreidefelder, Bäume und sogar Dächer – man sieht, daß das Hagelunwetter vom Sommer 2013 keineswegs ein einmaliges Wetterereignis war!

 

Es war die Zeit, in der allerorts Orgeln in den Kirchen aufgestellt wurden. Der Horber Orgelbauer Cäsar Schott arbeitete seit dem Winter 1681/82 an einem für Neuffen bestimmten Orgelwerk. Der Schreiner Johann Sebastian Fink aus Calw hatte sie wohl im April 1684 fertiggestellt. So kam die erste Orgel in diesem Jahr in die Martinskirche (nach Beuren in die Nikolauskirche erst 1711, nach Nürtingen in St. Laurentius schon 1530); sie wurde auf einer Empore über den Bänken im Chor aufgestellt. Einer der Schulmeister mußte sie schlagen“. Der erste namentlich erwähnte Organist war der 1679 eingestellte deutsche Provisor und Mesner Hans Georg Rickher aus Nagold. Ihm folgte 1686 Johann Paul Klotz aus Dinkelsbühl nach.

Seit 1559 ritt der Neuffener Diaconusauf einem geliehenen Pferd nach Erkenbrechtsweiler, um dort seelsorgerisch tätig zu sein. Für den Unterhalt des Tieres mußte der Albort geradestehen. Seit 1682 weigerte er sich jedoch beharrlich, für das Leihgeldund den Hafer aufzukommen. Deshalb wollte der Geistliche aus dem Tale künftig auch keinen Gottesdienst mehr auf der Alb halten. Der Bürgermeister von Weiler und ein Nachbargeistlicher versuchten, den Neuffener umzustimmen – vergeblich. 1685 wurden deshalb der Neuffener Pfarrer, der Schultheiß von Erkenbrechtsweiler und Geschworene nach Stuttgart vor das Konsistorium „citiert“. Es wurden Suppliken (Bittschriften) verfaßt und zu deren besserer Aufnahme zwei Pfund Flachs mitgenommen! Allein, auch das fruchtete nichts, und so dauerte dieser Streit bis 1706, wobei die Älbler mehrmals mit weiteren Suppliken in Stuttgart erfolglos blieben! Der Streit hörte damit auf, daß dem Vikar J. U. Weinmann befohlen wurde, im Albort Wohnung zu nehmen und forthin dort als ständiger Geistlicher zu wirken.

 

Der Krieg war nun zwar offiziell schon etliche Jahre beendet. Doch Durchmärsche und Einquartierungen von Freund und Feind mußten weiterhin ausgestanden, Vorspanndienste und Schanzarbeiten geleistet und Kontributionen aufgebracht werden, wie z.B. im Jahre 1688 100 Scheffel Hafer und 50 Wagen Heu für die Kaiserlichen und 1689 187 Scheffel Hafer, 49 Wannen Heu und 750 Bund Stroh für die französischen Truppen unter dem MordbrennerGeneral Melac. Sie zogen 4 Wochen durchs Land und hinterließen eine Spur der Verwüstung. Deshalb wurden hierzulande noch lange die Hofhunde nach ihm benannt („Lackl“), und Mütter mahnten ihre unfolgsamen Kinder mit den Worten zur Ruhe: „Sei schtill, dr Melac kommt!“ Auch Nürtingen mußte ihm für 3.000 fl Hafer, Heu und Stroh liefern.

 

1695 ist die Neuffener Bevölkerung endlich wieder auf 1.004 Köpfe angewachsen, in Beuren zählte man, zusammen mit Balzholz und den 14 auf dem Hohenneuffen wohnenden, 689 Menschen. Der nächstgrößere Amtsort war Frickenhausen mit 423 Einwohnern.

Erste nachweisbare Apotheke in Neuffen 1696! In Kirchheim wurde die erste Apotheke 1596 eröffnet, in Nürtingen im frühen 17. Jahrhundert. Die ersten Hinweise auf einen Apotheker stammen aus der Mitte des 14. Jahrhunderts in Esslingen.